Wie entsteht eine Depression?
Mit einem Satz erklärt: So gut wie jeder kann heute eine Depression entwickeln, aber eben nicht mit der gleichen Wahrscheinlichkeit.“(Markgraf & Schneider, 2018)
Was bedeutet das? Wenn Sie erkennen, welche psychischen Risikofaktoren in ihrem Leben vorliegen und ihre gesundheitsfördernden Schutzfaktoren entdecken, können Sie Ihr Leben selbst bestimmt leben und schwere Zeiten gut meistern.
Die Zeiten der der großen monistischen Theorien sind vorbei. Ob Vulnerabilitäts-Stress-Modell oder Bio-Psycho-Soziales Modell, diese weit verbreiteten Modelle werden heute noch als Erklärungsgrundlage für psychische Störungen herangezogen, laut Markgraf & Schneider (2018) sind sich aber aufgrund ihrer „zu großen Beliebigkeit“ und der „mangelnden Konkretheit“ durchaus kritisch zu betrachten. Warum werden wir krank? Bei körperlichen Erkrankungen ist dies meist leichter zu erklären – während er Grippewelle gibt es viele Menschen, die ihre Bakterien durch Tröpfchen weitergeben, die kalte Jahreszeit schwächt unser Immunsystem und schon hat es uns selbst erwischt. Aber wie ist das bei Depressionen, Ängsten, Süchten?
Die beiden Lehrbuch-Autoren Markgraf & Schneider (2018) nennen gesundheitsfördernde, also Schutzfaktoren für die Gesundheit – in der Fachsprache als salutogene Faktoren bekannt. Zu ihnen gehören
- Emotionale Stabilität
- Unterstützung und gute Beziehungen zu anderen
- Sinnerleben
- Problemlösefähigkeit
- soziale Kompetenz und
- Kommunikationsfähigkeit.
Diese Faktoren und viele weitere schützen vor psychischen Krankheiten. Dabei kann es nicht ein Faktor alleine sein, der als gesundheitsförderlich erscheint. Vielmehr ist es das Zusammenspiel verschiedener.
Vulnerabilität: Die psychische Verletzlichkeit
Manche Menschen sind eben stabiler, andere anfälliger. Ihre so genannte Vulnerabilität („Verletzlichkeit“) ist von Grund auf höher als die von anderen, psychisch robusteren Menschen. Dies kann durch genetische, körperliche oder soziale Merkmale so sein. Die Vulnerabilität zählt zu den so genannten pathogenen Faktoren, also jenen psychischen Risikofaktoren, die für die psychische Gesundheit schädlich sind. Eine hohe Vulnerabilität ist häufig die Grundlage von psychischen Störungen. Wer von Kind an „sensibler“ ist, für den sind die Herausforderungen des Lebens meist schwerer zu ertragen als für robustere Menschen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass unser Leben schicksalshaft von klein auf gelenkt wird oder dass unsere Persönlichkeit unser Leben bestimmt. Die Vulnerabilität ist also EIN Risikofaktor für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Ängste. Sie alleine macht aber noch keine Beschwerden. Denn erst wenn auslösende Faktoren dazu kommen, tritt eine Erkrankung erstmals auf. Einen der häufigsten Auslöser kennen wir alle aus dem täglichen Leben – Stress in seinen unterschiedlichsten Formen. Dazu gehören neben Terminen und einem nervigen Chef auch Stress von innen heraus, den uns unsere inneren Antreiber machen. Unsicherheit im Hinblick auf Job, Ausbildung, Finanzen und die Zukunft generell gehört ebenfalls zu den weit verbreiteten Stressfaktoren. Aber auch Lärm, Umweltbelastung durch Luftverschmutzung oder sogar schlechtes Wetter können dazu führen, dass das Fass irgendwann überläuft. Hier gilt: Die Dosis macht`s. In den meisten Fällen kommt es erst dann zur psychischen Überforderung, wenn über einen langen Zeitraum mühsam Wiederstand geleistet wurde – gegen den Termindruck, gegen die Anforderungen, gegen die Unsicherheit.
Leben ohne Stress?
Wir wissen also: Jeder Mensch geht unterschiedlich mit den Herausforderungen des Lebens um. Wenn ein Mensch schon sensibel reagiert und dann noch dauerhafter Stress hinzu kommt, spricht laut wissenschaftlichen Ergebnissen vieles dafür, dass dieser Mensch bald eine psychische Störung erleiden kann. Wäre es also besser, jedem Stress aus dem Weg zu gehen? Das wäre selbstverständlich eine Möglichkeit. Wir alle kennen sie – die Top-Manager, die aussteigen und sich mit dem Rucksack auf Weltreise machen. Klar, sie haben ihren Stresslevel deutlich reduziert und tun so auch ihrer psychischen Gesundheit etwas gutes. Es darf jedoch bezweifelt werden, ob dies die richtige Strategie für uns alle ist. Erstens kann sich so eine radikale Lebensänderung nur wenige Menschen leisten – nicht nur finanziell, auch aus sozialer Sicht. Außerdem gehören Herausforderungen zu unserem Leben dazu und wir Menschen haben eine sehr starke psychische Kraft in uns – die Homöostase. Diese Tendenz, trotz Höhen und Tiefen immer wieder in Balance, ins psychische Gleichgewicht zu kommen, macht uns Menschen aus. Meist gelingt uns das von alleine – wir leben mit unseren Aufgaben, kommen durch schwere Zeiten und können dann, wenn diese Turbulenzen vorbei sind, wieder Kraft tanken. Jeder, der sich einmal ein großes Ziel gesetzt hat, weiß das. Meist gelingt es uns auch, nach sehr anstrengenden Zeiten wieder zurück in die Ausgeglichenheit zu kommen – ein Urlaub kann da Wunder wirken, darum hat sich der Ausstieg auf Zeit auch so bewährt. Je erschöpfter wir sind, desto länger dauert es, bis wir uns wieder vollständig erholen und mit neuer Energie zurück in den Alltag gehen können. Kaum zu glauben, aber theoretisch war: Das vollkommen erholte Gefühl, dass sich nach ein paar Tagen Urlaub in uns ausbreitet, wäre eigentlich unser „normaler“ Gemütszustand. Menschen mit einer guten Work-Life-Balance (ich weiß, das Wort ist sperrig und abgedroschen, aber wo sind die Alternativen?) wissen, wovon ich spreche. Denn wenn der Tag nicht von früh bis spät durchgeplant ist, wir mit unserer Energie besser haushalten und zwischendurch genügend Ruhephasen eingeplant haben, dann können wir uns auch im Alltag so fühlen wie im Urlaub. Der Tatendrang, der sich gegen Ende des Urlaubs oft einstellt, ist bei einer ausgeglichenen Work-Life-Balance die meiste Zeit spürbar. Die verbleibenden Aufgaben, die auf der reduzierten To-Do-Liste stehen, werden mit mehr Freude und Motivation durchgeführt. Schließlich zählt Leistung und Engagement zu unseren psychischen Grundbedürfnissen (Seligman, 2015).
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir alles zu viel wird“.
Menschen, die diesen Satz klar bejahen, haben einer der Fragen eines Burnout-Tests. Dieses Gefühl ist eines der ersten Alarmzeichen für psychische Überforderung. Meist können wir die Herausforderungen des Lebens – von Job über Familie, Freizeit, Haushalt, Sorgen und Belastungen, meistern. Manchmal sind die Strapazen aber derart kräfteraubend oder das Ziel so fern, dass uns die Energie ausgeht. Es gibt viele Therapeuten, die psychische Erkrankungen als „Aufschrei der Seele“ sehen, quasi als internes Warnsystem, das sich meldet, wenn alles zu viel wird. Ähnlich einem Kurzschluss im Stromkreis, bricht so auch das psychische System ein. Neben den "klassischen" Stressfaktoren gehören aber auch unvorhersehbare Ereignisse, Belastungen oder Erfahrungen zu den Bedingungen, die zum entgültigen Ausbruch einer psychischen Erkrankung führen können. Der Tod eines lieben Mitmenschen, der Ausschluss aus einer Gruppe (Stichwort Mobbing unter Kollegen!) aber auch globale Entwicklungen wie eine Umweltkatastrophe oder eine politische Entwicklung können dazu beitragen, dass es einem Menschen "einfach zu viel" wird.
Warum geht die Depression nicht weg?
Es ist schon erstaunlich, wie lange manche Menschen dem großen Druck ihres Alltags standhalten, bis gar nichts mehr anderes übrig bleibt, als krank zu werden. Die Alarmzeichen haben sie lange ignoriert – vielleicht sind es Kopfschmerzen oder Schlafstörungen, vielleicht chronische Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Probleme. Diese psychosomatischen (Psyche und Körper =S O M A) Beschwerden sind häufig Anzeichen einer Überforderung. Wenn die Überforderung zum Ausbruch von psychischen Beschwerden wie Angst, Panik oder Depression geführt hat, dauert es oft noch Jahre, bis Betroffene sich in fachliche Behandlung begeben. Die Scharm vor der Stigmatisierung ist einfach zu groß. Hoffentlich wird sich dies in den nächsten Jahren drastisch ändern. Dazu brauchen wir das Bewusstsein, dass psychische Krankheiten und ebenso treffen können wie körperliche Krankheiten und es dagegen wirksame Therapien gibt. Wenn Menschen, die unter Angst, Panik oder Depressionen leiden sich dann an einen Arzt oder Therapeuten (zum Artikel – was ist eigentlich der Unterschied zwischen Psychiater, Psychologe und Psychotherapeuten?) gehen, werden ihre akuten Beschwerden behandelt. Dies geschieht beim Hausarzt oder Psychiater meist durch Medikamente, beim Therapeuten häufig durch Gespräche. Immer wieder werden Kuren und Rehabilitationen verschrieben, wo die Patienten für mehrere Wochen ihrem Alltag entfliehen und wieder mehr auf sich selbst und ihren Körper hören können. Viele Patienten erleben dann eine rasche Erleichterung. Doch sobald sie wieder im normalen Alltag zurück sind, bemerken viele Menschen: Alles fängt wieder von vorne an. Warum ist das so? Nun komme ich zum dritten Risikofaktor für psychische Erkrankungen. Dieser Punkt ist als „aufrechterhaltende Bedingungen“ bekannt und wird häufig unterschätzt. Konkret bedeutet dies, dass es im Leben des Menschen Faktoren gibt, die die Psyche weiterhin belasten. Dies können Stressfaktoren von außen sein, so wie Kollegen, die weiterhin mobben, oder der Termindruck, der im jeweiligen Unternehmen oder der Branche herrscht. Dies können aber auch innere Antreiber sein – so wie das schlechte Gewissen oder der Perfektionist, der immer noch da sitzt, wo er schon seit Jahren sitzt und sagt „Jetzt hast du eh so lange nichts getan, nun zeig endlich wieder, wofür du gut bist.“ oder „Du darfst dir jetzt bloß keine Fehler mehr erlauben, nur perfekte Mitarbeiter werden im Unternehmen behalten. Du musst 110 % geben.“ Solange diese aufrechterhaltenden Faktoren im Alltag da sind, wird es schwierig, aus dem Teufelskreis der psychischen Erkrankung zu entkommen. Deshalb müssen sie ebenso wie die Vulnerabilität und die Auslöser entdeckt und hinterfragt werden. Nur so kann es gelingen, langfristig gestärkt und psychische gesund zurück ins Leben zu gehen.
Alle Beiträge auf meinem Blog verfasse ich nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis meines theoretischen Fachwissens (Autoren gekennzeichnet), meiner Erfahrung im Bereich der Psychologie und Psychotherapie sowie meiner persönlichen Meinung. Diese Texte sollen als Anregung dienen, sich mit den entsprechenden Themen näher auseinander zu setzten. Wenn möglich nenne ich konkrete Literaturtipps. Im konkreten Krankheitsfall aller genannten Beschwerden bitte ich meine Leser, sich an den Arzt oder Psychotherapeuten ihres Vertrauens zu wenden. Psychische Beschwerden wie Angst, Panik, Depression, Suizidgedanken, Zwänge, Süchte, Essstörungen und schizophrene Erkrankungen sind therapierbar. Wichtig ist die Unterstützung und Begleitung durch einen Experten.