Mein ICH: Mehr als die Summe seiner Teile
© Unser Ich ist aus unterschiedlichen Anteilen zusammen gesetzt.
Wir werden geboren und wachsen in einem einzigartigen Familiensystem auf. „Die perfekte Familie“ mit “perfekten Eltern” gibt es dabei nicht, vielmehr spricht man heute von „good engough“ parents, die sich bemühen, der individuellen Persönlichkeit jedes Kindes bestmöglich gerecht zu werden. Im Idealfall begleiten Eltern (oder ein Elternteil bzw. eine wichtige Bezugsperson) ein Kind dabei, gesund aufzuwachsen, die Herausforderungen des Lebens mit allen Aufgaben in der jeweiligen Entwicklungsstufe gut zu meistern und dabei das Gefühl zu bekommen: „So groß die Aufgaben im Leben auch sein möchten, ich kann es schaffen, sie zu bewältigen.“ Kinder, die das Glück haben, so aufzuwachsen, haben die besten Voraussetzungen, sich zu selbstbewussten Menschen zu entwickeln und an den Herausforderungen des Lebens zu wachsen.
Neuronale Netzwerke: Automatische Muster für Denken, Fühlen und Verhalten
Sobald wir denken können, nehmen wir Aussagen unserer Eltern oder Geschwister in unser Denken mit auf. Viele Meinungen und Regeln übernehmen wir aus unserem Umfeld. Je nachdem, wie wir unsere Familienmitglieder mit ihren Einstellungen, ihren Überzeugungen und ihrem Verhalten erleben, bilden wir selbst ein Bild davon, wie die Welt in der wir leben aussieht. Außerdem bauen wir dementsprechend auch unseren Selbstwert auf. Bereits kleine Kinder bauen neuronale Netzwerke, also fest verschaltete Bahnen in ihrem Gehirn auf, je nachdem, welche Bezugsperson gerade anwesend ist – dementsprechend reagieren wir von klein auf unterschiedlich auf Mama, Papa, Geschwister und andere Menschen, mit denen wir regelmäßig Zeit verbringen. Je öfter diese Netzwerke aktiviert werden, desto mehr festigen sich die Nervenverbindungen.
“Meine Mutter hatte immer sehr viel Stress, sie musste immer arbeiten, um genug Geld für uns Kinder zu verdienen. Außerdem machte Sie sich immer große Sorgen um alles mögliche – um die Zukunft, um Geld, um unsere Sicherheit.”
In diesem Falle ist es sehr wahrscheinlich, dass das Kind bereits von klein auf ein Netzwerk im Gehirn ausgebildet hat, das mit ängstlichen Reaktionen und großer Vorsicht verknüpft ist. Je öfter das Kind die Mutter in so einem Zustand erlebt hat – sie beobachtet hat, ihre Ängste selbst erfahren hat, gehört hat, wie die Mutter sich sorgenvoll an den Vater gewandt hat – desto fester werden diese Netzwerke im Gehirn „einzementiert“. Solche und ähnliche Muster im Gehirn können im Erwachsenenleben dafür verantwortlich sein, dass eine unsichere Situation sofort als Katastrophe und zu große Herausforderung angesehen wird – die alten Muster im Gehirn werden wieder aktiviert und „Mama`s Stimme“ warnt uns vor den unschaffbaren Herausforderungen des Lebens.
“Mein Vater war sehr streng. Wir wusste nie, wann es ihm wieder zuviel war – er war einfach unberechenbar. Wir Kinder trauten uns nicht, anderer Meinung zu sein als er, etwa bei den Themen Politik oder bei dem, was er von unserer Mutter forderte. Er wurde sehr impulsiv, schimpfte uns oder gab uns eine Ohrfeige, damit „wir uns merkten, wird er Boss ist.”
Wächst ein Mensch in einem sehr autoritären Umfeld auf, kann sich ein wachsames Muster ins Gehirn einprägen – „sei auf der Hut, vor allem bei Menschen, die dir überstellt sind oder Macht über dich haben”. Solche Muster können sich in Autoritätshörigkeit und dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber zB Vorgesetzten führen.
Ich-Anteile: Das innere Team für das eigene Leben
In vielen Therapieformen spricht man von inneren Anteilen des Ichs. Diese haben sich im Laufe unserer Entwicklung aufgebaut, sie sind jeweils ein neuronales Netzwerk, ein Muster, das aktiviert wird, wenn wir eine ähnliche Situation erleben. Wenn wir im Kindesalter immer wieder Angst, Frust, Ohnmacht oder große Traurigkeit erlebt haben, bildet sich uns ein „verletzes Kind“ (Schematherapie, Ego-State-Therapie). Dieses ist mit Umständen in seiner Welt – meist einem oder mehreren Familienmitgliedern, überfordert. Um trotzdem „überleben“ zu können und nicht zu verzweifeln, baut es sich ein „inneres Team“ auf. Diese Anteile bilden von klein auf unser Ich und machen unsere Persönlichkeit aus. Die meisten dieser Anteile sind nur zu bestimmten Zeiten aktiv – etwa der Schlägertyp in der Schule, wenn uns dieser davor bewahrt hat, selbst verprügelt zu werden. Oder die Ängstliche immer wenn Mama in der Nähe war, um zu ihren Vorstellungen zu passen. Weit verbreitet ist auch der selbstlose Helfer, der alles für die anderen tut, weil das in der Familie immer so vorgelebt wurde. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie sich Ich-Anteile ausprägen, damit wir gut mit den jeweiligen Herausforderungen unserer Entwicklung zurecht gekommen sind.
In unserem Erwachsenen-Leben haben wir diese Ich-Anteile noch in uns und meist kommen wir gut durch unser Leben. Doch wenn wir in gewissen Situationen immer wieder nach altem Muster reagieren, kann es hilfreich sein, diese Ich-Anteile einmal aufzuzeichnen, zu sortieren und zu erkennen, ob ein Ich-Anteil fehlt, um besser mit den Aufgaben unseres Erwachsenen-Leben zurecht zu kommen.
Im kostenlosen Download-Bereich dieser Website finden Sie eine Möglichkeit zur Selbsterfahrung, wie Ihr inneres Team aussieht, welche/r Anteil/e noch fehlt und wie sich Ihr Leben dadurch verbessern kann: Mein Inneres Team.