Achtsamkeit am Sonntag: Woche 5 von 8

© Magdalena Lublasser, Canve. Wir haben die Freiheit, Verantwortung für unser Leben zu tragen.

© Magdalena Lublasser, Canve. Wir haben die Freiheit, Verantwortung für unser Leben zu tragen.

Auch wenn wir es nicht gerne wahrhaben wollen: Unangenehme Gefühle gehören zum Mensch-Sein einfach dazu. Wir leben in einer Welt, in der uns Hochglanzmagazine und Social Media vorgaukeln, dass das perfekte Leben existiert und wir durch Konsum und Leistungsstreben alles Vergängliche überwinden können. Doch wenn wir genau hinsehen, entdecken wir: Licht und Schatten gehören zusammen und das menschliche Leben ist bestimmt von Herausforderungen, kleinen und größeren Siegen, unerwarteten und scheinbar unmeisterbaren Aufgaben und einem immer währenden “Restrisiko”. Versicherungsgesellschaften versuchen, mit unserer Angst Geschäft zu machen und versprechen, uns gegen alle möglichen Eventualitäten zu schützen. Was zu einem gewissen Teil stimmt, ist im Extremfall eine vermeintliche Sicherheit. Je ängstlicher wir in unserer Persönlichkeit sind und je wichtiger uns das Grundbedürfnis nach Kontrolle und Orientierung ist, desto schwerer tun wir uns mit der Aufgabe “Den Dingen erlauben, zu sein, wie sie sind”.

Freiheit und Verantwortung für das eigene Leben

Viktor E. Frankl hat gesagt: “Das Leben fragt, und wir antworten.” Dabei haben wir selbst die Freiheit zu entscheiden, wie wir auf die Herausforderungen des Lebens Antwort geben. Viele Menschen reagieren mit Abneigung auf die unangenehmen Situationen und die Gefühle, die dadurch ausgelöst werden. Wenn es uns gelingt, ein gewisses Maß an Unsicherheit, Krankheit und Vergänglichkeit in unserem Leben bewusst wahrzunehmen, können wir lernen, besser damit umzugehen. Dabei geht auf keinen Fall darum, diese unangenehmen Erlebnisse gut zu heißen, doch wenn die Alternative lautet, dass wir weglaufen und uns vor diesen negativen Situationen “verstecken”, werden wir über kurz oder lang vom Leben eingeholt. Wir haben die Verantwortung für unser Leben - dazu gehört auch, mit den Schwierigkeiten umzugehen.

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.
— Epiktet

Schwierige Gefühle wie Frust, Angst, Wut oder Ärger sind natürliche Reaktionen auf unangenehme Erlebnisse, die in unserem Leben passieren. Wenn wir uns dagegen wehren, empfinden wir diese negativen Ereignisse als noch schlimmer. Sie kennen bestimmt eine Situation, in der Sie sich so richtig über einen Kollegen geärgert haben. Vielleicht waren Sie voller Zorn und Unverständnis für seine Unpünktlichkeit oder seine Schlampigkeit. Sie haben die Wut richtig in Ihrem Körper gespürt - vielleicht im Magen, vielleicht im Hals? Und dann ist ein anderer Kollege dazu gekommen und hat noch eines drauf gesetzt - so richtig über den nervenden Kollegen geschimpft, wie unmöglich sich dieser verhält und das so oft und überhaupt - was erlaubt der sich eigentlich?

Je mehr wir uns in eine Situation hineinsteigern, desto mehr aktivieren wir die negativen Autobahnen in unserem Gehirn. Diese biologische Reaktion ist deshalb so angelegt, damit wir uns selbst schützen - wenn eine Situation so unangenehm und schlimm war, dann MUSS unser Gehirn unbedingt abspeichern, dass es nie wieder so weit kommen darf! In echten Gefahrensituationen, wie unsere Vorfahren sie noch tagtäglich erlebt haben, war dieser Mechanismus überlebensnotwendig. Heute führt er jedoch eher dazu, dass wir uns von Kopf bis Fuß unwohl fühlen, ohne dass sich aber an der Situation irgendetwas ändert! Denn der nervige Kollege wird sein Verhalten nicht ändern, egal wie sehr Sie sich über ihn ärgern - es sei denn, Sie sprechen dies direkt an und er ist motiviert, sich der Kollegialität zuliebe ab sofort mehr zu bemühen. Vielleicht aber auch nicht.

Erlauben und sein lassen

Dieses Beispiel zeigt einmal mehr: Der einzige Mensch, den wir wirklich ändern können, sind wir selbst. Dazu braucht es Mut, Motivation und Durchhaltefähigkeit. Denn die alten Muster, die uns oft schon ein Leben lang begleiten, haben sich schnelle Autobahnen in unser Gehirn gebahnt.

Rate ich Ihnen hier zur Resignation? Keinesfalls! Wer resigniert, erstarrt, gibt auf, leidet und erduldet sein Schicksal. Die achtsame Akzeptanz hingegen ähnelt der Haltung eines mutigen Kriegers. Sie blicken den Herausforderungen des Lebens direkt ins Auge und erkennen, was Sie verändern und beeinflussen können und was Sie erhobenen Hauptes akzeptieren können. Wenn Sie sich bewusst machen, dass Sie zwar nicht entscheiden können, welche Aufgaben Ihnen das Leben stellt, Sie aber jedes Mal für sich entscheiden können, wie Sie darauf reagieren, erleben Sie sich stärker und weniger hilflos. Versuchen Sie, vom automatischen “Nicht-Wollen” zum bewussten “sich-der-Herausforderung-stellen” zu kommen. Betrachten Sie Herausforderungen als spannende Challenges, mit einer bewussten, neugierigen Haltung, statt sich in eine negative Abwärtsspirale aus Schimpfen und Ärgern hineinziehen zu lassen. Dies mag anfangs vollkommen unrealistisch für Sie erscheinen. Doch denken Sie daran, wie ein Kind Wörter lernt - es spricht über 12 Monate kein einziges und kann im Laufe seines Lebens bis zu 10.000.

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.
— Lao Tse


Beginnen Sie gleich mit der nächsten Situation, die Ihnen im Alltag unterkommt. Der Alltag ist der beste Lehrmeister, schließlich bildet die Summer der Alltagsmomente unser Leben. Jede unangenehme Situation ist eine Chance, ein Lehrmeister, ein Coach. Je öfter es Ihnen gelingt, in ungewünschten Momenten offen und mutig zu sein, ohne in die negative Haltung zu fallen, desto mehr baut sich in Ihrem Gehirn eine neue, positivere, angenehmere Autobahn auf. Dies ist nicht nur für eine bestimmte Situation hilfreich, die Sie vielleicht als immer wieder störend empfinden. Denn unser Leben ist voller Herausforderungen und mit steigendem Lebensalter kommen mehr und mehr Situationen auf uns zu, die wir selbst mit der größten Willenskraft nicht verändern können. Denken Sie daran, wie wichtig es ist, mit zunehmendem Alter akzeptieren zu können, dass unser Körper langsam zur Ruhe kommt. Dass wir nicht mehr die Leistung bringen können, wie mit 30 oder 40. Dass wir unser Leben lang Abschiede erleben und diese akzeptieren müssen. Wenn Sie lernen, unveränderbaren Herausforderungen mit bewusster Akzeptanz zu begegnen, werden Sie stärker und sicherer im Umgang mit Ihrem Leben.

Atmung als Befreiung

Versuchen Sie in der nächsten unangenehmen Situation ganz bewusst zu sich zu sagen:

”Aha, da ist also ein sehr unangenehmes Gefühl. Ich spüre es genau hier…… und in meinem Kopf höre ich …….. nach meinen alten Mustern möchte ich am liebsten wütend werden/schreien/schimpfen/davon laufen/weggehen….. doch ich habe die Freiheit, anders zu reagieren. Ich nehmen einen tiefen Atemzug, atme ein (zähle bis 4), halte die Atmung ganz kurz an, spanne dabei die Körperpartie an, in der ich das unangenehme Gefühl am stärksten spüre und atme aus (6 Atemzüge), wobei ich alles loslasse. Die Anspannung in der Körperpartie, die Atmung, die Wut/ den Ärger/ mein altes Muster.

Mit jeder Einatmung atme ich mir Bewusst-Sein in diesem Moment im Hier und Jetzt.

Mit jedem Atem-Anhalten mache ich mir bewusst, wie sehr meine alten negativen Muster aktiviert sind und wo sie in meinem Körper unangenehm zu spüren sind

Mit jedem Ausatmen erkenne ich, wie ich ganz bewusst loslassen kann und locker werde. Ich kann die Situation als die unangenehme Herausforderung akzeptieren, die sie ist. Je weniger ich mich in mein negatives Muster begebe, desto besser für mich und meinen Körper. Ich spüre die Freiheit, mich für den neuen Weg, das neue Muster, das achtsame Akzeptieren, entscheiden zu können.”


















Mehr über die Macht der Gefühle lesen Sie in diesem Beitrag: Die Medizin der Emotionen.